Living Stereo im Digital-Zeitalter

Einleitung

Die 1½ Jahrzehnte zwischen Mitte der 50er und Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts gelten als das “Goldene Zeitalter der Schallplatte”. Die bedeutendsten Künstler der Zeit machten Aufnahmen von außerordentlicher Qualität – künstlerisch sowie technisch. Dafür sind 3 glückliche Umstände zusammen gekommen:

  1. Außergewöhnlich talentierte Künstler, wie Maria Callas, Birgit Nilsson, Gundula Janowitz, Jascha Heifetz, Yehudi Menuhin, Arthur Rubinstein, Vladimir Horowitz, Sviatoslav Richter, Glenn Gould, Gregor Piatigorsky, Mstislaw Rostropowitsch, Pablo Casals, Carlos Kleiber, Fritz Reiner, Herbert von Karajan, Arturo Toscanini, Leonard Bernstein, oder auch Duke Ellington, Harry Belafonte, Nina Simone, Miles Davies, Billy Holiday, Ray Charles, Elvis Presley, die Beach Boys, die Beatles oder die Rolling Stones. Sie haben sicherlich noch weitere Favoriten. Hier geht es nicht um Vollständigkeit, sondern um Beispiele für die beispiellose künstlerische Qualität zu dieser Zeit.
  2. Die Einführung der Stereophonie und damit zum ersten Mal die technische Möglichkeit, Klang lebensecht zu reproduzieren.
  3. Qualitäts-besessene Toningenieure (wie z.B. Leslie Chase oder Lewis Layton bei RCA, Kenneth Wilkinson bei DECCA oder Robert Fine bei Mercury) und Produzenten (wie z.B. John Pfeiffer oder Richard Mohr bei RCA, Wilma Cozar bei Mercury oder John Culshaw bei DECCA und Walter Legge bei EMI).

Ganz vorne mit dabei war die RCA Victor, einer der größten Schallplattenkonzerne der Welt. RCA Victor entstand 1929 aus der Übernahme der  „Victor Talking Machine Co.“ (dem damals weltweit größten Produzenten von Emil Berliners Grammophonen) durch die 1919 gegründete „Radio Corporation of America“ oder RCA. In der Radio Corporation of America hatten Firmen wie „General Electric“, „Westinghouse“ und „AT&T“ einen Teil ihrer Radioelektronik-bezogenen Patente gepooled und entsprechende Anteile erhalten. Bis in die frühen 1970er Jahre war das Unternehmen einer der bedeutendsten und innovativsten Hersteller von Unterhaltungselektronik. Mit der Übernahme der Victor Talking Machine Co. 1929 erwarb RCA auch die Rechte an dem berühmten  Nipper/“His Master’s Voice“ Trademark für die Amerikas von Emil Berliners Gramophone Company. Die Gramophone Company behielt die Rechte für Europa, die 1931 durch einen Merger mit der Columbia Graphophone Company in der britischen ‚Electric and Musical Industries‘ (EMI) aufgingen:

Bild 01 – Nipper/“His Master’s Voice“ Trademark (Gemälde des englischen Künstlers Francis Barraud)

   

So kommt es, dass Sie das gleiche Nipper-Logo auf den Schallplatten verschiedener Hersteller dies- und jenseits des Atlantiks finden.

Durch die Übernahme der Victor Talking Maschine Company erwarb RCA 1929 auch die Rechte an dem traditionsreichen Victor „Red Seal“ Label, das fortan als das Label für klassische Musik innerhalb des RCA Konzerns fungierte. Viele der „Living Stereo“ Label Aufnahmen erschienen später– zu günstigere Preisen – auf dem Red Seal Label.

 

 

 

Geschichte des Living Stereo Labels

Die „Golden Era of RCA Records“ nahm im Herbst 1953 ihren Anfang. RCA Victor hatte mit Charles Munch und Arthur Fiedler in Boston, Leopold Stokowski in New York, sowie mit Solisten wie Jascha Heifetz und Arthur Rubinstein, Leontyne Price oder Gregor Piatigorsky und anderen, viele hochkarätige Musiker unter Vertrag. Im Herbst 1953 wechselte dann noch Fritz Reiner – der gerade die Leitung des Chicago Symphony Orchestras übernommen hatte – von Columbia Records zu RCA. Bis zu seinem Tod 1963 nahm Reiner in Summe 63 Schallplatten mit seinen Chicagoern für RCA Victor auf. Damit überstrahlte er alle anderen RCA-Künstler bei weitem.

RCA begann im Oktober 1953 mit ersten experimentellen ‚binauralen‘ Aufnahmen in ihrem New Yorker Manhatten Center mit L. Stokowski und einem Programm aus G. Enescus Rumänischer Rhapsodie Nr. 1 und Tschaikowskis Walzer aus Eugen Onegin. Im Februar 1954 entstanden dann die ersten kommerziellen Stereoaufnahmen von RCA Victor in Bostons Symphony Hall mit Ch. Munch und dem Boston Symphony Orchestra und H. Berliozs „La Damnation de Faust“. Diese frühen Aufnahmen wurden noch parallel in Mono und Stereo (links, rechts) aufgenommen.

Bild 02 – Erste kommerzielle RCA Stereoaufnahme – Ch. Munch und das Boston Symphony Orchestra: Berliozs La Damnation de Faust, Symphony Hall, Boston, 1954

Cover Ch. Munch mit dem Boston Symphony Orchestra und Berliozs La Damnation de Faust, 1954

Die Aufnahmetechnik war denkbar einfach und basierte im Wesentlichen auf den, bereits in den 30er Jahren gewonnenen, Erkenntnissen der Bell Laboratories. Für die frühen Aufnahmen mit dem Chicago Symphony Orchestra unter Fritz Reiner 1954 wurden in der Orchestra Hall in Chicago nur wenige Mikrofone eingesetzt: Drei Hauptmikrofone, aufgehängt an einem Seil, das von Balkon zu Balkon quer durch die Orchestra Hall gespannt wurde, nämlich links und rechts hinter Reiners Pult je ein Telefunken U-47 für die Stereoaufnahme und in der Mitte direkt hinter dem Pult ein weiteres U-47 für die Monoaufnahme. Hinzu kamen ein oder zwei Stützmikrofone, manchmal ebenso ein U-47, manchmal ein RCA eigenes 77-DX. D.h., diese Groß- Panorama-Aufnahmen in Stereo wurden mit 3 oder 4 Mikrophonen gemacht! Aufgenommen wurde mit Ampex-Bandmaschinen. Der Audiohistoriker Michael Gray meint, dass der Aufnahmeort, die Orchestra Hall, einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf den Erfolg der Aufnahmen von Fritz Reiner in Chicago hatte. Die Bühne der Konzerthalle war sehr breit und wenig tief. Durch diese Geometrie mussten die Aufnahmetechniker die Stereomikrophone sehr weit auseinander positionieren. Dadurch und durch die verwendeten hochempfindlichen U-74 Mikrophone ergab sich dieses riesige akustische Panorama.

Mit der 2-Spurtechnik wurde allerdings auch in der Stereoaufnahme noch kein homogener Raumeindruck geschaffen. Die Aufnahmeingenieure der RCA experimentierten viel herum und schauten sich schlussendlich im Laufe des Jahres 1955 die Lösung bei Mercury Records ab: Anstatt mit 2 Spuren aufzunehmen, nahm man ab 1956 mit 3 Spuren auf – jeweils gefüttert von einem Mikrophon. Teilweise kamen noch ein oder zwei Stützmikrophone hinzu, je nach musikalischem Programm. Manchmal wurden die Hauptmikrophone in einer Linie hinter dem Dirigenten angeordnet, manchmal, ähnlich dem DECCA-Tree, in einer Dreiecksformation. Das war’s. Das 3-spurige Masterband wurde anschließend auf 2 Spuren geschnitten, die dann einen sehr realistischen 3-dimensionalen Klangeindruck lieferten.

Die erste 3-Spur-Aufnahme der RCA war Arthur Fiedlers „HiFi-Fiedler“ von 1956. Dieses Setup wurde mit leichten Variationen bis Mitte der 60er Jahre beibehalten. D.h., die klassischen Living Stereo-Aufnahmen sind zumeist mit 4-5 Mikrofonen gemacht worden. Danach begann RCA – wie andere Aufnahmelabels auch – in Vielspurverfahren aufzunehmen, was zwar den Aufnahmeprozess deutlich vereinfachte, dem räumlichen Eindruck und der Aufnahmequalität insgesamt allerdings eher schädlich war.

Bild 03 – Erste kommerzielle RCA 3-Spur-Aufnahme – A. Fiedler und das Boston Pops Orchestra: HiFi-Fiedler, Symphony Hall, Boston, 1956

Als die Musiklabels begannen ihre Aufnahmetechnologie 1953 auf ‚Binaural‘ um zu stellen, waren die Wiedergabegerätschaften bei den Konsumenten noch ausnahmslos Mono. Die Labels operierten auf Basis der Annahme, dass die Geräte der Konsumenten im Laufe der Jahre auf Stereo umgestellt werden würden. Da es zu der Zeit noch kein kommerziell verwendbares Verfahren zum Schneiden oder Abspielen der Stereo-Informationen auf Schallplatte gab, kamen Mitte 1955 zunächst die ersten Stereo-Bandabspielgeräte mit ¼‘‘ und 7 ½ ips auf den Markt und RCA Victor begann vorbespielte Stereobänder (sog. „Stereo Orthophonic Tapes“) zu vermarkten. Somit erreichte die Stereotechnik ab 1955 die ersten Endkunden und definierte „High Fidelity“ völlig neu.

Bild 04 – RCA Victor – Prerecorded Tape – Harry Belafonte – At Carnegie Hall, 1959

RCA Victor - Prerecorded Tape - Harry Belafonte - At Carnegie Hall

Schallplatten wurden allerdings nach wie vor noch in Mono hergestellt und verkauft. Erst 1957 begann die EMI in London das 1931 von Allan Blumlein entwickelte Schneideverfahren für Mehrkanalaufnahmen (Flankenschrift) zur Produktion kommerzieller Stereo-Schallplatten zu verwenden. 1958 folgte die Western Electric Company in den USA und modifizierte ihr Westrex-Schneidesystem so, dass es auch für RCA Victor möglich wurde, Stereo-Schallplatten in Flankenschrift zu schneiden.

Entsprechende Schallplattenspieler in Stereo wurden parallel zur Entwicklung der Schneidetechnologie angeboten, so dass ab 1957 auch Schallplatten in Stereo kommerziell verfügbar waren. Die großen Plattenlabels begannen in diesem Jahr mit der Vermarktung ihrer jeweiligen Stereoschallplatten-Serien als Premiumproduktlinien:

  • RCA mit ihrer legendären „Living Stereo“ Serie,
  • DECCA mit seiner „ffss“ (full frequency stereophonic sound)-Serie und
  • Mercury mit seiner Living Presence Serie.

Da jedoch die Konsumenten noch Großteils Mono-Plattenabspielgeräte besaßen und sich dies auch nur sehr langsam änderte, veröffentlichten die meisten Plattenfirmen ihre Neuerscheinungen bis Ende der 1960er Jahre parallel in Mono sowie in Stereo. Die Platten wurden auch aufnahmeseitig in Mono und in Stereo (3-Spuren) aufgenommen; es wurde nicht die 3-Spur-Aufnahme auf Mono runter gemischt.

RCA Victor verwendete das Living Stereo Label ab 1958 – also mit Einführung der Stereo-LP – als Marketinginstrument für seinen frühen stereophonen Veröffentlichungen. Es positionierte die Schallplatten im  Premiumsegment, um den Konsumenten zu verdeutlichen, dass es sich um Stereoschallplatten hoher Qualität handelte. Sie waren entsprechend teuer. Die Aufnahmen waren zumeist klassische Musik, z.T. aber auch Jazz und Rock ‚n‘ Roll (von Henry Mancini über Chet Atkins bis Elvis Presley). Das Label wurde nur in der Phase der Einführung der Stereoschallplatten verwendet – also ca. zwischen 1958 – 1965. Ab Mitte der 60er Jahre war die neue Technologie „Stereophonie“ hinreichend eingeführt. RCA begann in Multitrack-Verfahren aufzunehmen und lieferte mit „Dynagroove“ eine neue technischen Innovation im Schneideprozess, so dass man das Label „Living Stereo“ nicht mehr verwendete, sondern fortan „Dynagroove“ als Qualitätsausweis auf das Cover druckte. Allerdings war das Dynagroove-Verfahren umstritten und RCA konnte, z.T. auch aufgrund der Umstellung im Aufnahmeverfahren, nicht mehr an die legendäre Qualität der Living Stereo Serie anschließen.

Die Living Stereo Serie war, aufgrund ihrer herausragenden Qualitäten über die Jahrzehnte bis heute so erfolgreich, dass Originalausgaben heutzutage Höchstpreise auf dem Sammlermarkt erzielen und diverse Hersteller auch heute noch Neuauflagen der Aufnahmen in Lizenz veröffentlichen:

  • BMG Classics auf CD
  • Sony/BMG auf SACD
  • Chesky Records auf Vinyl
  • Classic Records/Acoustic Sounds auf Vinyl
  • JVC auf XRCD

 

 

Highlights des Living Stereo Kataloges

Kommen wir zu den Aufnahmen. Die hier vorgestellten Alben sind nur eine kleine persönliche Auswahl. Andere Leute mögen andere Alben vorziehen. Als erstes Living Stereo Album veröffentlichte RCA Victor 1958 die bereits im März 1954 entstandenen 2-Spur-Aufnahmen von Richard Strauss‘ „Also sprach Zarathustra“ und „Ein Heldenleben“ von F. Reiner und dem Chicago Symphony Orchestra, aufgenommen in der Orchestra Hall, Chicago.

Bild 05 – R. Strauss – Also sprach Zarathustra

Bild 06 – R. Strauss – Ein Heldenleben

Einer der Gründe, warum die Aufnahmen der Living-Stereo-Reihe mit Reiner und dem Chicagoern so lebendig klingen liegt  – neben der Aufnahmetechnik – darin, dass Reiner die Stücke erst dann aufnahm, nachdem er sie ausgiebig mit dem Orchester geprobt und mehrfach in Konzerten gespielte hatte. So saßen die Stücke bei den Musikern und konnten bei der Aufnahme in einem Stück („Take“) aufgenommen werden. Diese langen Takes vermitteln viel mehr einen Liveeindruck als eine aus vielen Takes zusammengesetzte Aufnahme, wie das später üblich wurde (heute sind ein Dutzend Takes pro Aufnahme normal). Exemplarisch hierfür ist das Finale aus Rimsky-Korsakov’s Sheherazade, das bekannter Weise im Februar 1960 in der Orchestra Hall, Chicago in einem einzigen Take ohne Schnitte auf 3 Spuren aufgenommen wurde und eines der absoluten Highlights des Living Stereo Labels ist.

Bild 07 – N. Rimsky-Korsakov’s Sheherazade

Eine weitere schöne 3-Spur-Aufnahme aus Chicago ist Sibelius‘ Violinkonzert mit Jascha Heifetz und dem Chicago Symphony Orchestra unter Walter Hendl:

Bild 08 – J. Sibelius – Violinkonzert

Zum Vergleich eine 3-Spur-Aufnahme aus der Symphony Hall in Boston: Die schon erwähnte HiFi-Fiedler mit dem Boston Pops Orchestra unter A. Fiedler; Aufnahme: Symphony Hall, Boston, 1956

Bild 09 – Arthur Fiedler – HiFi-Fiedler

Eine weitere 3-Spur Boston Popsaufnahme unter Fiedler ist G. Gershwins Rhapsody in Blue mit Earl Wild am Piano:

Bild 10 – George Gershwin – Rhapsody in Blue

Interessanter Weise hat RCA Victor nach Beendigung ihres Distributionsvertrages mit der EMI 1957, eine ähnliche Vereinbarung mit DECCA abgeschlossen. Im Rahmen dieser Vereinbarung hat DECCA eine Reihe von hochkarätigen Aufnahmen mit europäischen Spitzenorchestern für RCA Victor gemacht wie z.B. mit den Wiener Philharmonikern unter Fritz Reiner oder dem London Symphony Orchestra unter Jean Martinon. Zwei der berühmtesten dieser Auftragsaufnahmen – und zwei der legendärsten Living Stereo Aufnahmen – sind in den späten 1950ern mit dem Orchester des Royal Opera House Covent Garden unter Ernest Ansermet bzw. George Solti in der Kingsway Hall in London entstanden. Aufnahmeingenieur bei beiden Aufnahmen ist DECCAs Spitzeningenieur Kenneth Wilkinson, der einen klassischen DECCA-Tree verwendet hatte:

Bild 11 – „The Royal Ballet – Gala Performances“ mit dem Orchester des Royal Opera House Covent Garden unter Ernest Ansermet vom Jan. 1957

Bild 12 – „Venice“ mit dem Orchester des Royal Opera House Covent Garden unter George Solti, 1959, mit der berühmt gewordenen U-Bahn-Linie Aldwych-Holborn die von den Decca-Tonmeistern stets mit einkalkuliert werden musste

 

Die Kingsway Hall in London rechtfertigt eine kurze Abschweifung, nicht zuletzt, weil ihr Schicksal erstaunliche Parallelen zu Österreichs bestem Aufnahmeort, den Sofiensälen in Wien, aufweist: Die Kingsway Hall wurde 1912 als Methodisten Kirche erbaut. Aufgrund der spektakulären akustischen Eigenschaften der Kirche, wurde sie ab 1926 regelmäßig für Orchester und Choraufnahmen von den große britischen Plattenlabels verwendet. Die hervorragende Akustik war eher Zufall als Ergebnis großer akustischer Planung: die Hall hatte hohe Stuckdecken, einen schwingenden Holzboden und Holzverkleidungen an den Wänden. Vor allem im Stockwerk darunter, gab es ein großes Lager eines Kostümverleihs für Bühne und Film, das als perfekte variabler Dämpfung für die Halle fungierte (ähnlich, wie die Sofiensäle, die ja ebenso einen schwingenden Holzboden über einem ehem. Schwimmbecken hatten). Die Kingsway Hall wurde der bedeutendste Aufnahmeort Großbritanniens, mit tausenden von Aufnahmen, viele davon Meilensteine der Schallplattengeschichte. Dies ist umso bemerkenswerter, als die Hall eine Reihe extremer Probleme mit sich brachte, die normalerweise Aufnahmekünstler und -techniker in die Flucht geschlagen hätte: Die Hall liegt an einer der Hauptverkehrsader von London, dem Kingsway und zusätzlich direkt über eine U-Bahnlinie. D.h., die Aufnahmetechniker hatten beständig mit dem strömenden Straßenverkehr vor der Tür und den alle 10 Minuten unter ihnen vorbeirauschenden U-Bahnzügen zu kämpfen. Wie dieser Kampf ausging, kann man auf vielen berühmten Aufnahmen nachvollziehen. Da in den 80er Jahren die Methodisten, sowie die Plattenlabels in wirtschaftlich schwieriges Fahrwasser kamen, konnte sich niemand mehr die Erhaltung des Gebäudes leisten. Und so wurde die Kingsway Hall 1998 abgerissen und machte dem im Jahr 2000 neu eröffneten Kingsway Hall Hotel Platz.

 

Neben den großen Orchestern unter Vertrag, wie das in Boston oder in Chicago, unterhielt RCA Victor seit 1940 auch ein eigenes Session Music Orchester in New York, das sog. RCA Victor Symphony Orchestra, das sich anlassbezogen aus Musikern der  New York Philharmonic, der Metropolitan Opera und des NBC Symphony Orchestras zusammensetzte. Bis 1962 war das Orchester, nicht zuletzt aufgrund der ausufernden Gewerkschaftsregulierung für RCA zu einer großen Bürde geworden, so dass RCA Victor seine Aufnahmeaktivitäten zunehmend nach Europa verlegte und hier insbesondere nach Rom. Erst an der römischen Oper und später in den eigens für RCA gegründeten RCA Italiana Studios entstanden in den 60er Jahren Meilensteine der Opernaufnahmen von Puccini und Verdi mit Anna Moffo oder Leontyne Price, Giuseppe di Stefano, Richard Tucker oder Carlo Bergonzi unter Erich Leinsdorf, Georg Solti oder Georges Pretre. Als Beispiel ist hier eine Aufnahme von Puccinis La Bohème aus dem Teatro dell’Opera di Roma vom Juni 1961, kurz vor Gründung des RCA Italiana Orchesters. Hier spielt noch das römische Opernorchester unter Erich Leinsdorf mit Anna Moffo, Richard Tucker und Robert Merrill. Die Aufnahme beweist, dass die RCA-Techniker ihr Handwerk wirklich verstanden und nicht von bestimmten Aufnahmeorten abhingen.

Bild 13 – G. Puccini – La Bohème

Das Label “Living Stereo” war, wie gesagt, nicht nur auf klassische Musik beschränkt, sondern produzierte auch eine Menge eher schlichter Unterhaltungsmusik für den täglichen Hausgebrauch, dennoch in herausragender Qualität. Einer dieser Grenzgänger zwischen klassischer und Unterhaltungsmusik war der Komponist, Arrangeur und Dirigent Morton Gould, der für RCA Victor viele effektvolle Schlagzeugmusik und Märsche aufgenommen hat, wie dieses Album „Brass & Percussion” von 1957:

Bild 14 – Morton Gould – Brass & Percussion

Ein weiterer Percussion-Spezialist war der Schlagzeuger, Komponist und Arrangeur Dick Schory. Mr. Schory war zum einen Perkussionist beim Chicago Symphony Orchestra unter Fritz Reiner. Parallel dazu hatte Mr. Schory noch eine zweite und deutlich erfolgreichere Karriere als Arrangeur populärer Musik für diverse Schlagzeugensembles. Mr. Schory nahm sich selbst nicht allzu ernst und posierte schon mal nackt, nur mit Lendenschurz und Keule auf einem Plattencover. Auch sonst zierten die Cover seiner Alben nicht selten halbnackte junge Damen. Aber davon unabhängig, waren seine Platten clever musikalisch arrangiert, mit den besten Musikern eingespielt, stets exzellent aufgenommen und – ob mit oder ohne halbnackter Damen – wahre Verkaufsschlager. Sie waren klassische Vorführstücke für die technische Leistungsfähigkeit der RCA Victor Ingenieure. Die Platten für RCA Victor waren ebenfalls in der Orchestra Hall, Chicago von Lewis Layton aufgenommen und klingen entsprechend.

Bild 15 – Dick Schory’s Percussion Pops Orchestra – Supercussion; Orchestra Hall, Chicago, 1962

Ein weiterer populärer Künstler des Living Stereo Labels war der Gitarrist und Begründer des sog. „Nashville Sounds“ Chet Atkins. Atkins verbrachte fast seine gesamte künstlerische Laufbahn bei RCA Victor. Er war dort so involviert, dass man ihm sogar ab 1957 die Leitung der RCA Victor Nashville Division übertrug, die innerhalb des RCA Victor Konzerns für die Country Musik zuständig war. In dieser Rolle hat Atkins sogar einige frühe Alben von Elvis Presley produziert – zu dem wir später noch kommen werden.

Bild 16 – Chet Atkins– In Hollywood; Aufnahme: Hollywood, California, Okt. 1959

Das Living Stereo Label veröffentlichte aber auch anspruchsvollere Unterhaltungsmusik wie Harry Belafonte, Henry Mancini, Sam Cooke oder Elvis Presley:

Harry Belafonte nahm sein Album “Sings the Blues” 1958 in New York und in Hollywood auf. Es war sein erstes stereophon aufgenommenes Album.

Bild 17 – Harry Bellafonte – Sings the Blues

Im April 1959 spielte Harry Belafonte 2 Benefitzkonzerte zugunsten zweier New Yorker Schulen in der Carnegie Hall. Das daraus entstandene Livekonzertalbum, das von RCA Victor unter seinem Living Stereo Label erschien, ist eines der Klassiker der HighFidelity und wird auch heute noch oft in Vorführungen verwendet.

Bild 18 – Harry Bellafonte – Live at Carnegie Hall

Ende der 50er Jahre lief im amerikanischen TV eine erfolgreiche Detektiv-Serie namens „Peter Gunn“. Die Filmmusik dazu schrieb Henry Mancini (der später auch die Filmmusik zum Rosaroten Panther schreiben sollte). Die Filmmusik zu Peter Gunn kombiniert auf innovative Weise Rock ‚n‘ Roll und Jazz Elemente. Es ist das erste Album, das 1959 einen Grammy der National Academy of Recording Arts and Sciences of the United States gewonnen hat. Interessanter Weise spielt auf dem Album ein gewisser „John Williams“ das Klavier, der später selber der erfolgreichste Filmmusik-Komponist aller Zeiten werden sollte.

Bild 19 – Henry Mancini – Peter Gunn

Toni Harper begann ihre Karriere als Kinderstar mit 8 Jahren. Sie nahm ihr erstes Album „Toni“ mit keinen geringeren als dem Oscar Petersen Trio für Verve Records mit 18 Jahren auf. Mit 23 Jahren nahm sie das Album „Night Mood“ für RCA Victor Living Stereo auf, bevor sie mit 29 Jahren ihre Kariere wieder beendete:

Bild 20 – Toni Harper – Night Mood

„Elvis is Back!“ war Elvis Presleys 4. Album und das erste, von mehreren Comeback-Alben im Laufe seiner 20-jährigen Kariere als „King of Rock ‚n‘ Roll“. Nach einem spektakulären Start seiner Sängerkariere 1955 wurde Elvis im März 1958 zu seinem 2-jährigen Armeedienst in die 3. Panzerdivision der U.S. Army eingezogen, den er größtenteils in Friedberg, ca. 26km nördlich von Frankfurt a.M., verbrachte. 2 Jahre Pause ist eine Ewigkeit für einen King of  Rock ‚n‘ Roll und das Album wurde eine komplex ausbalancierte Mischung aus Titeln, die seine alte Fans ansprechen und gleichzeitig neue Fanschichten erschließen sollten. Das Album war Elvis erstes stereophon aufgenommenes Album und wurde von Chet Atkins produziert. Es ist eine 3-Spur-Aufnahme aus den RCA Victor Studio B, Nashville, Tennessee vom April 1960.

Bild 21 – Elvis Presley – Elvis is Back!

 

 

Nachdem es lange still war um die großen Plattenlabels des Goldenen Zeitalters, begannen die großen Plattenlabels ab ca. 2014 sukzessive mit der Veröffentlichung ihrer originalen Masterbänder in HighResolution Audio (zumeist 96 kHz/24 bit oder 192 kHz/24 bit). Im Gegensatz zur analogen Technik, ist in der digitalen Domäne jede Kopie identisch mit dem Original. Die Degradation der Qualität, die im analogen Kopierprozess die Qualität mindert, gibt es im Digitalen nicht. Diese digitalen „Masterfiles“ sind Kopien erster Generation der originalen Masterbänder und kommen dadurch der Originalaufnahme näher als jede frühere Veröffentlichung auf einem Tonträger, vor allem auch der Schallplatte. Damit wird gleichzeitig auch ein Endpunkt in der Entwicklung der Wiedergabetechnologie erreicht: Dem originalen Musikereignis kann man im Nachhinein schlicht nicht näher kommen, als durch das Masterband. Damit wird nicht nur möglich, die Schätze aus dem „Goldenen Zeitalter der Schallplatte“ auch im Digitalzeitalter zu genießen, sondern man kommt – entsprechende Wiedergabegeräte vorausgesetzt – dem Originalklang der Aufnahmen sogar näher, als mit den alten Tonbändern oder Schallplatten.

Moderne HighEnd-Wiedergabegeräte sind entsprechend auf das Abspielen digitaler Musikdateien, unabhängig von Dateiformat oder Auflösungsqualität, ausgerichtet – von einfachen MP3-Dateien über CD-Dateien bis hin zu Original Master Files in DXD-Auflösung (384kHz). So gibt das Model 2 der „Digitalen Audio Systeme“ Digitaldateien mit einer Auflösung bis zu 384 kHz von der internen Festplatte oder über das Internet gestreamt wieder. Die Steuerung erfolgt entweder klassisch am Gerät oder, bequemer, vom Sofa aus über ein Tablet mit multimedialem UserInterface.

Bild 22 – DAS HD-Player Model 2 mit Tablet

DAS HD-Player Model 2 (ohne Hintergrund)

© Alexej C. Ogorek